Bürgerversammlung in Nußdorf zum Brenner-Nordzulauf

Die Bürgerversammlung zum „Brenner-Nordzulauf“mobilisierte die Nußdorfer, der Saal des Schneiderwirts war voll besetzt. Die Bürger diskutierten mit den Vertretern von ÖBB und DB über die Auswirkungen der Korridorplanung in ihrer Gemeinde.

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Nußdorf – Bürgermeister Sepp Oberauer erinnerte die vielen Besucher zunächst daran, dass bereits 2011 die Inntal-Bürgermeister eine gemeinsame Resolution verfasst haben, in der sie eine frühzeitige Beteiligung forderten. Die deutsche DB Netz AG und die österreichische ÖBB Infrastruktur AG haben sich schon vor einigen Jahren an Hand einer Prognoserechnung darauf einigen können, dass im Jahr 2025 in Summe 302 Züge pro Tag die Grenze Deutschland/Österreich passieren werden. „Diese Rechnung umfasst alle Annahmen der künftigen Verkehrs- und Wirtschaftsentwicklung“, wie Torsten Gruber von der BD Netz AG ausführte. Der Brenner-Basistunnel einschließlich der Bestandsstrecke über den Brenner sei für insgesamt 400 Züge pro Tag ausgelegt. Auf dieser Grundlage planen nun ÖBB und DB die Abwicklung von 140 Zügen über die Bestandsstrecke und 260 Zügen über eine Neubaustrecke, wie Peter Hofer (ÖBB Infrastruktur) erklärte.

Diese Zahlen können viele Bürger, auch aufgrund eigener Beobachtungen und Recherchen nicht nachvollziehen. Die Frequenz der Güterzüge sei nicht so groß, dass nicht durch die Ertüchtigung der Bestandsstrecke der zukünftige Verkehr hierüber abgewickelt werden könnte. Derzeit passierten im Schnitt täglich 180 Züge die Grenze bei Kiefersfelden, die Kapazitätsgrenze der Strecke läge bei rund 250 Zügen.

Mehr Güterverkehr auf der Schiene
Die Bahn-Vertreter empfahlen in diesem Zusammenhang, die Prognosezahlen mit Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt zu diskutieren, der am 6. März im Inntal zu Besuch sein wird.

Durch eine verfehlte österreichische Mautpolitik würde der Transport auf der Straße begünstigt, behauptete ein Bürger: „So bekommen wir den Lkw-Verkehr nie auf die Schiene“, erklärte er und stellt die Prognosewerte in Frage. Spediteur Georg Dettendorfer, sieht das Thema allerdings unter anderen Aspekten. So wurde beispielsweise entgegen dem Eindruck des Bürgers die Maut in Österreich für „Euro 8-Lkws“ bereits von 32 Cent auf 37 Cent in angehoben, während in Deutschland für umweltfreundliche Lkws die Maut leicht gesenkt wurde. Außerdem habe Österreich erst kürzlich ein sektorales Fahrverbot erlassen. Dettendorfer nimmt nun an, dass mit Fertigstellung des Tunnels weitere solcher Maßnahmen in Tirol folgen werden, um den Güterverkehr auf die Schiene zu zwingen. „2014 querten rund 2,14 Millionen Laster den Brenner. Wenn nur 25 Prozent davon auf die Schiene verlagert werden, sind das rund 500 000 Lkw, die auf rund 20 000 Güterzüge den Brenner passieren werden – pro Tag gut 65 Züge mehr.“

Besorgt schaut die Nußdorfer Bürgerinitiative auf die vorliegende Korridorplanung für eine Neubaustrecke. So machte Gemeinderat Christian Niederthanner deutlich, dass nach vorsichtigen Berechnungen das Projekt eine Fläche von gut 100 Hektar beanspruchen wird. „Fläche, die nicht nur der Landwirtschaft, sondern auch den hier lebenden Menschen in dem bereits dicht bebauten und engen Inntal fehlen wird.“

Der Streckenverlauf Innsbruck-Kufstein-Nußdorf- Bernau-Salzburg stößt bei der Bürgerinitiative auf Unverständnis, da hierüber grundsätzlich nur „innerösterreichischer Verkehr“ abgewickelt werde. Diesem Eindruck wiedersprachen allerdings die Bahnexperten. Thorsten Gruber (DB Netze) wies darauf hin, dass diese Strecke notwendig wird, um den nordöstlichen Zulauf von Landshut her in Richtung Österreich ableiten zu können. Peter Hofer (ÖBB) machte allerdings auch kein Hehl daraus, dass dadurch auch eine günstigere Anbindung von Innsbruck an Salzburg entstehen könnte.

Hoher Stellenwert vom Schutz der Bürger
Gastredner Georg Willi, Mitglied im österreichischen Nationalrat und dort Mitglied im verkehrspolitischen Ausschuss, machte den Nußdorfern Mut, sich für eine unterirdische Streckenführung einzusetzen, so wie es auch schon die Gemeinden in Tirol getan hätten. Schließlich seien von rund 70 Kilometern Strecke gut 40 untertunnelt worden. In diesem Zusammenhang kam die Frage auf, in welchem Land der Schutz der Bürger im Hinblick auf die Trassenplanung höheren Stellenwert hat. Zur Verwunderung der Nußdorfer sei das in Deutschland der Fall, so die beiden Bahnvertreter.

„Mit der nordöstlichen Ausweitung des Planungsgebietes habe man nicht gerechnet, da im Staatsvertrag von 2012 der Ausbau der Strecke München-Rosenheim-Innsbruck vereinbart worden wäre, nicht aber der Ausbau der Strecke nach Salzburg“, sagte Sepp Oberauer. Diese sollte laut Vertrag Gegenstand eines eigenen Projektes werden.

Von Interesse war auch die Art und Weise, wie die Bürger in die Planung integriert sind. „Dazu gibt es einen Planungsdialog“, berichtet Nußdorfs Rathauschef, der zusammen mit fünf weiteren Nußdorfer Bürgern in einem dieser Kreise vertreten ist. Keineswegs würde man im „stillen Kämmerchen“ planen, sondern alle Ergebnisse werden in Protokolle zusammengefasst und sind, wie viele andere Planungsunterlagen auch, über die Internetseite www.brennernordzulauf.eu abrufbar. Ein Bürger stellte die Frage, ob denn das höchste Entscheidungsgremium auf die Empfehlungen den regionalen Arbeitskreis hören müsse. Die klare Antwort von Torsten Gruber war: „Nein!“ Er fügte aber hinzu, dass diese Struktur des Dialogs nicht umsonst gewählt worden wäre, weil gerade die Entscheidungsfindung auf eine breite Basis gestellt werden soll.