Der Biologe Alfred Ringler. © OVB

Brennerdialog Rosenheimer Land e. V. hatte zur Bürgerinfo eingeladen

„Fehmarnbelt-Querung“ als Vorbild?

Trotz Konkurrenz durch Max Giesinger und Michael Patrick Kelly war der große Saal beim Antretter in Stephanskirchen gesteckt voll. Der Verein Brennerdialog Rosenheimer Land hatte in Sachen Brenner-Zulaufstrecke eingeladen. Vier Referenten standen den Gästen – unter ihnen die Bürgermeister aus den umliegenden Gemeinden – Rede und Antwort.

Stephanskirchen / Prutting / Riedering / Vogtareuth / Neubeuern / Nußdorf / Rohrdorf – Viel Fachwissen wurde am Abend ausgebreitet, doch einschläfernd war es keineswegs. Die beiden Geografen Michael Menke und Markus Schmitz vom Geowissenschaftlichen Büro Dr. Heimbucher aus Nürnberg erklärten ausführlich die Schwierigkeiten und Risiken des geologischen Untergrundes beim Bau einer eventuellen Bahntrasse von Tattenhausen über den Inn nach Stephanskirchen und weiter nach Rohrdorf. Das Problem: die verschiedenen Grundwasserschichten mit ihren unterschiedlichen Fließrichtungen. Fazit: Es könnten wasserführende Schichten völlig durcheinander geraten, Moore austrocknen und der Grundwasserspiegel absinken.

Auch der Biologe Alfred Ringler veranschaulichte mit Zahlen und Fotos die negativen Auswirkungen eines Trassenbaus auf die Natur. „Die Lebensräume vieler Tiere werden durch eine solch massive Schneise völlig durchschnitten.“ Weniger im Fokus stünden dabei die Auswirkungen von Lärm bis in die Nacht und Bodenerschütterungen. Tiere wie der Laubfrosch, die Erdkröte oder die Fledermaus kommunizierten fast ausschließlich über Laute. „Studien haben gezeigt, dass die Kommunikation der Tiere durch Lärm sehr gestört wird. Sie hören sich nicht mehr.“ Auch die Brutvogeldichte nehme ab, so Ringler. Nicht zu unterschätzen sei der „Vogelschlag“. „Besonders Eulen und Greifvögel sind hier die Opfer“, schildert der Biologe die Situation. Laut einer Veröffentlichung rechne die Bahn selbst mit 30 bis 6100 toten Vögeln entlang einer Strecke von 100 Kilometern. „Je schneller die Züge rasen, umso eher erwischen sie auch einen Vogel.“

Außerdem warnte er vor den Eingriffen in Moore etwa bei Brannenburg und Nicklheim durch die Bahntrasse. „Erst renaturiert man diese Kleinode mit viel Aufwand und hohen Kosten, dann müssen sie in Teilbereichen wieder entwässert werden.“ Da könne er nur noch den Kopf schütteln. Schließlich sei es fast einerlei, welche Route als endgültige Trasse nach München ausgewählt werde, die Auswirkungen seien immer gravierend.

Interessantes hatte die Rechtsanwältin Dr. Michele John aus Hamburg zu berichten. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit Umwelt- und Planungsrecht und begleitet Kommunen, Städte, Privatleute und Dialogforen in Sachen „Feste Fehmarnbeltquerung“. Die „Feste Fehmarnbeltquerung“ ist ein geplanter, 17,6 Kilometer langer Tunnel unter dem Fehmarnbelt zwischen Dänemark und Deutschland und ist ein europäisches Verkehrsprojekt. Die Situation hoch im Norden von Schleswig-Holstein sei durchaus mit der hier im Inntal zu vergleichen, so John. Besonders die Zulaufstrecke, also die Hinterlandanbindung der Tunnelquerung auf deutscher Seite, bereite Städten wie Lübeck viel Ärger. Das sei ja hier auch so.

Nach Bekanntwerden des Bauvorhabens in Schleswig-Holstein im Jahr 2008 habe sich erster, zaghafter Widerstand gerührt. Und ziemlich auch seit dieser Zeit vertrete ihre Kanzlei Betroffene. Ihr Fazit: „Nur wer sich einmischt, seine Interessen formuliert und widerspricht, der wird auch gehört.“

Nicht zielführend sei nach ihrer Ansicht die hier in der Region vielfach gestellte Frage, „ob“ ein drittes und viertes Gleis als Zulaufstrecke durchs Inntal überhaupt notwendig ist, und „ob“ die prognostizierten Zahlen der Zugbewegungen überhaupt realistisch sind. „Das Projekt ist auf europäischer Ebene beschlossene Sache. Das ,ob’ wird auch in juristischen Verfahren nicht mehr zur Diskussion gestellt“, machte sie deutlich. Sie riet, sich stattdessen um die Details zu kümmern und Schwachpunkte in der Planung aufzuzeigen. Und immer wieder sagte sie: „Schließen sie sich zusammen, nehmen sie an Foren teil, formulieren sie ihre Kritik. Und wenn es sein muss, auch vor Gericht.“ Nur diese Strategie sei in ihren Augen von Erfolg gekrönt. Als Beispiel nannte sie den Timmendorfer Strand, eine Gemeinde, die nach konstruktiven Bürgerprotesten jetzt großzügig umfahren und nicht mehr von Gleisen zerschnitten wird.

Und dann hatte sie noch ein Ass im Ärmel: „Suchen sie sich einen von allen Seiten akzeptierten Moderator.“ Der müsse Konflikte aushalten und den Dialog mit allen Seiten einfordern und dann auch führen. Er müsse Wogen glätten, aber auch Mut machen können. „Die Schleswig-Holsteiner haben sich einen ehemaligen Diplomaten an Bord geholt. Und achten sie darauf, wer ihn bezahlt.“

In der anschließenden Diskussion, die Thomas Riedrich, Vorsitzender Brennerdialog Rosenheimer Land e.V., souverän leitete, trugen etliche Bürger ihre Sorgen und Kritikpunkte vehement vor. Doch irgendwann platzte DB Netz-Manager Torsten Gruber, der als Gast anwesend war, der Kragen: Eigentlich habe er sich nicht äußern wollen, doch mit Lügen müsse er aufräumen. Die Bahn habe den Auftrag, die Planungen für die Zulaufstrecke München nach Kiefersfelden zu erstellen. Mehr nicht. Punkt.

 

Quelle: https://www.ovb-online.de/rosenheim/rosenheim-land/fehmarnbeltquerung-vorbild-8504666.html