Die Diskussionsrunde im Fokus: Ein ADAC-Gast hält mit seinem Smartphone das Podium im Bild fest. Foto: ADAC / Klaus Haag

ADAC-Jahrestreff legt atmosphärische Störungen zwischen Bayern und Tirol offen

München/Rosenheim – „Dass letzte Mal, als Tirol und Bayern so schlecht aufeinander zu sprechen waren, war wohl im Jahr 1809“, wagte Christoph Walter, neuer Geschäftsführer des ADAC Südbayern, mit einem Augenzwinkern den Schlagabtausch zwischen Daniela Ludwig und Anton Mattle, Vizepräsident des Tiroler Landtags, mit dem Tiroler Volksaufstand zu vergleichen. Damals hatte sich die Tiroler Bevölkerung kurzzeitig von der bayerisch-französischen Besatzung befreit.

Freilich wurde bei der Podiumsdiskussion „Brenner-Basistunnel: Mega-Chance und Durchbruch oder Utopie und Riesenbelastung?“ im Rahmen des ADACJahrestreffs in München nicht mit scharfen Waffen um die Freiheit gekämpft. Dafür aber mit scharfen Worten um Schuldzuweisungen in puncto Verkehrsbelastung im Inntal. So bezeichnete die Kolbermoorerin Daniela Ludwig, verkehrspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, das Verhalten Tirols durch die Blockabfertigung als „Drangsalieren des Nachbarn“.

Dabei hatte die Podiumsdiskussion recht friedlich begonnen: Nach einem kurzen Film, der das Großprojekt „Brennerbasistunnel“ skizzierte (siehe Kasten), diskutierten Ludwig, Mattle und Thomas Riedrich, Vorsitzender des Vereins „Brennerdialog Rosenheimer Land“, unter der Moderation des ZDF-Journalisten Dr. Manfred Ahlers über das umstrittene „europäische Projekt“.

So lobte Mattle in Hinblick auf die großen Widerstände im Kreis Rosenheim gegen die Zulaufstrecken-Planung die Arbeit von Tirols Landesregierung sowie das Verhalten der Bevölkerung auf der österreichischen Seite des Inntals. Auch dort habe es Diskussionen gegeben, aber: „Am Ende haben wir das Projekt durchgesetzt.“

Was auch Ludwig anerkennen musste, auch wenn die Situation in Tirol ihrer Meinung nach leichter gewesen sei. „Ich sitze bei diesem Thema zwischen den Stühlen“, sagte die Bundestagsabgeordnete, die den geladenen Gästen aus Politik, öffentlichen Einrichtungen und der Wirtschaft Südbayerns die Probleme bei der Entscheidungsfindung in Deutschland skizzierte. So sei für die Tiroler letztendlich klar gewesen, dass die Planungen eine deutliche Verbesserung für alle Bewohner ermöglichen. Was für das bayerische Inntal und den Kreis Rosenheim nicht gelte. „Auf der einen Seite haben wir die Bürger an der Bestandsstrecke, die sich durch neue Gleise eine Entlastung erhoffen. Auf der anderen Seite Bürger in Gemeinden wie Stephanskirchen, die noch unbelastet sind, nun aber befürchten, dass bei ihnen irgendwann die Güterzüge durchrauschen.“

Ginge es nach Riedrich, müsste sich die Politik mit den Sorgen der Bürger über ein mögliches drittes und viertes Gleis in Richtung Brenner überhaupt nicht auseinandersetzen. Denn der Apotheker, der sich auch durch seine „persönliche Betroffenheit“ im Verein engagiert, zweifelt weiterhin an, dass die Gleise nötig sind. Er sieht zum einen „das Bestandsgleis noch nicht ausgelastet“, zum anderen ganz andere Lösungsansätze, die die Politik vorantreiben müsse. „Wir haben kein Kapazitätsproblem, sondern ein Verteilproblem“, sagte Riedrich und spielte darauf an, dass beispielsweise Lkw auch eine andere Route als durch das Inntal Richtung Süden nehmen könnten.

Wobei das Stichwort Lkw-Verkehr plötzlich für dicke Luft zwischen den Gesprächspartnern Mattle und Ludwig sorgte. Oder besser gesagt der oftmals stehende Verkehr, ausgelöst unter anderem durch Lkw-Fahrverbote und die Dossierungsstrategie Tirols an der Grenze bei Kufstein. „Das ist kein nachbarschaftliches Verhalten“, fand die CSU-Politikerin und redete sich mehr und mehr in Rage. Denn durch die kilometerlangen Staus auf der Autobahn würde Tirol nicht nur Transportunternehmen das Leben schwer machen, sondern auch die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer gefährden. „So geht‘s nicht“, schimpfte Ludwig, was einige Gäste mit Beifall kommentierten.

Wir müssen uns auf unsere Partner verlassen können.
Anton Mattle, Vizepräsident des Tiroler Landtags

Mattle hingegen konterte mit den langwierigen Planungen in Deutschland. „Es wäre wünschenswert, wenn die Zulaufstrecken in gleicher Qualität entstehen“, sagte er und verwies auf Italien, „das bisher seine Versprechen gehalten hat“. Deutschland forderte er auf, die Hausaufgaben zu machen: „Wir müssen uns auf unsere Partner verlassen können.“

Die Ertüchtigung der Bestandsstrecke und einen gleichzeitigen Verzicht auf eine zusätzliche Trasse lehnte Mattle ab und verwies darauf, dass die Lösung der Verkehrsproblematik eine der wichtigen Fragen für eine erfolgreiche Zukunft sei: „Die Produkte und deren Austausch auf den Strecken ist letztlich auch unser Wohlstand.“

Zeit zum Luft holen fanden die Mitglieder der Diskussionsrunde erst wieder, als Vertreter der Logistikbranche Mattle ins Gebet nahmen. So bezeichnete Sabine Lehmann, Geschäftsführerin des Landesverbands Bayerischer Spediteure, das Verhalten Tirols als „unsozial“, während Georg Dettendorfer, Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern beide Streitparteien in die Pflicht nahm: „Ich kämpfe für das dritte und vierte Gleis, weil ich weiß, was bei uns im Inntal verkehrstechnisch los ist.“

So ging die Podiumsdiskussion – ganz im Gegensatz zum Tiroler Volksaufstands 1809 – beim ADAC-Südbayern letztlich nicht nur unblutig zu Ende, sondern sogar mit versöhnlichen Worten. Während Mattle zusicherte, die Kritik aus Bayern mit in den Tiroler Landtag zu nehmen, versprach Ludwig: „Wir werden im Dialog bleiben.“

BLICKPUNKT BRENNERBASISTUNNEL

64 Kilometer unter der Erde

In einem österreichisch-italienischen Gemeinschaftsprojekt wird derzeit unter dem Brennerpass die mit 64 Kilometern längste unterirdische Eisenbahnverbindung der Welt für Güter-und Personenverkehr errichtet. Seit 2008 wird dort gegraben, Ab 2028 sollen Züge – ausgelegt ist das Bauwerk auf ein Maximum von 400 am Tag – mit bis zu 230 km/h von Innsbruck Richtung Südtirol und umgekehrt fahren. Damit soll nicht nur die bestehende, veraltete Brennerstrecke massiv entlastet werden, sondern auch dem prognostizierten steigenden Schienenverkehr Rechnung getragen werden. mw

VON MATHIAS WEINZIERL

Quelle: Oberbayerisches Volksblatt, 26./27. Januar 2019